In der zweiten Folge von (un)sichtbar chronisch widmen wir uns einem der schwersten Gefühle, die eine chronische Erkrankung begleiten können: dem Ausgeliefertsein. Besonders bei unberechenbaren Erkrankungen wie Morbus Menière trifft es Betroffene oft urplötzlich und ohne Vorwarnung.
Andrea und Marc sprechen darüber, wie es sich anfühlt, warum es so überwältigend ist und – am wichtigsten – wie man aktiv Maßnahmen ergreifen kann, um die eigene Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Wenn die Kontrolle schwindet
Stell dir vor, du läufst durch eine belebte Stadt und von einer Sekunde auf die andere dreht sich alles so stark, dass du dich sofort hinlegen musst – egal ob auf den nassen Asphalt oder eine dreckige Bahnhofshalle. In diesem Moment bist du nicht nur deinem Körper, sondern auch deiner Umwelt, dem Wetter und den Reaktionen fremder Menschen komplett ausgeliefert.
Andrea teilt ihre Erfahrung, wie sie im eisigen Winter auf einer Parkbank festsaß und nicht mehr aufstehen konnte. Zu der körperlichen Not kommt oft die Scham: Was denken die Passanten? Halten sie mich für betrunken?.
Vom Ausgeliefertsein zur Vorbereitung
Auch wenn man die Erkrankung selbst oft nicht heilen kann, lässt sich der Umgang mit den Anfällen aktiv gestalten. Andrea nennt dies ihr persönliche„Notfall Tools“. Hier sind ihre wichtigsten Werkzeuge:
- Das Notfall-Handy: Ein Seniorenhandy mit einer gut erreichbaren Notfalltaste gibt Sicherheit, dass auf Knopfdruck eine Vertrauensperson informiert wird und kein Rettungswagen.
- Das Notfall-Kärtchen: Ein Kärtchen im Geldbeutel erklärt Passanten kurz: „Das ist kein Schlaganfall und ich bin nicht betrunken. Ich habe Morbus Menière. Bitte helfen Sie mir nach Hause“.
- Das Notfall-Set: Utensilien wie „Kotztüten“ für starke Übelkeit oder Medikamente gegen Erbrechen (z.B. Vomex) sollten ständige Begleiter sein.
- Digitale Helfer: Smartwatches mit Sturzerkennung oder spezielle Apps (wie die Retter-App oder my SOS Family) können im Ernstfall Hilfe rufen.
Die Geheimwaffe: Dein Atem
Ein zentraler Punkt, um in der Panik des Ausgeliefertseins die Ruhe zu bewahren, ist die Zwerchfellatmung. Andrea nutzt eine einfache, aber effektive Technik, um ihr Nervensystem zu beruhigen:
- Durch die Nase einatmen.
- Doppelt so lange ausatmen wie einatmen.
Dieses Atemmuster signalisiert dem Gehirn über den Parasympathikus: „Entspannung ist angesagt“. Es nimmt der Situation zwar nicht den Schwindel, aber die überwältigende Angst.
Die Rolle der Angehörigen
Für Marc bedeutet das Thema vor allem Hilflosigkeit. Als Partner möchte man das Problem lösen, doch bei vielen chronischen Leiden gibt es keine schnelle Heilung. Er hat gelernt, dass „einfach nur da sein“, von A nach B fahren, Händchen halten oder eine Wärmflasche bringen oft die größte Unterstützung ist. Die Sicherheit für den Erkrankten zu wissen: „Er kommt, wenn ich ihn rufe“, ist unbezahlbar.
Fazit: Man kann das Wetter nicht kontrollieren, aber man kann sich eine wetterfeste Jacke anziehen. Genauso verhält es sich mit der Vorbereitung auf chronische Schübe. Mit den richtigen Hilfsmitteln und Atemtechniken gewinnst du ein Stück deiner Freiheit und Selbstständigkeit zurück.
Wie sieht dein Sicherheitsnetz aus? Schreib uns gerne deine Erfahrungen an podcast@unsichtbarchronisch.de oder hinterlasse einen Kommentar auf Spotify!

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