Migräne: Viel mehr als „nur Kopfschmerzen

„Trink doch einfach mehr Wasser.” – Wer Migräne hat, kennt diesen Satz. Und weiß, wie hilflos er klingt. Denn Migräne ist keine Kopfschmerzerkrankung, die man mal eben weghydriert. Sie ist eine **chronische, neurovaskuläre Erkrankung** – und sie kann das Leben von Grund auf verändern.

In dieser Folge unseres Podcasts spreche ich über meine eigene Geschichte mit Migräne, über Diagnosen, Trigger, Therapien und darüber, was es bedeutet, wenn einem mitten im Alltag plötzlich die Worte fehlen.

Mein erster Anfall – mit 12, in der Schule

Ich war ungefähr 12 oder 13 Jahre alt, als es das erste Mal passierte. Mitten in der Schulstunde. Plötzlich dieser hämmernde Schmerz, extreme Licht- und Geräuschempfindlichkeit – ich wusste nur eins: Ich muss nach Hause.

Den Weg nach Hause lief ich allein, mit dem einzigen Gedanken: „Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.“

Zuhause angekommen, Rollläden runter, Tür zu, Bett. Kein Sehen, kein Hören, einfach nur schlafen. Meine Mutter gab mir einen kalten Waschlappen – zum Arzt sind wir nicht gegangen.

Damals wusste ich noch nicht, dass das Migräne war. Aber ich habe diesen ersten Anfall nie vergessen.

Was Migräne wirklich ist

Migräne ist keine Schwäche, keine Einbildung und kein Lifestyle-Problem. Sie ist eine neurovaskuläre Erkrankung – das bedeutet: neurologisch und gefäßabhängig zugleich.

In der Schmerzphase weiten sich die Blutgefäße im Gehirn – daher der pulsierende, hämmernde Schmerz. In der Auraphase verengen sie sich, was zu Durchblutungsstörungen und neurologischen Ausfällen führt.

Migräne ist oft genetisch bedingt – bei mir in der Familie hat sie sich durch drei Generationen gezogen. Und sie ist, was viele nicht wissen, von der WHO als eine der häufigsten Ursachen für Behinderung eingestuft.

Die vier Phasen der Migräne

Eine Migräneattacke ist kein einzelner Moment – sie ist ein Prozess, der sich über Tage erstrecken kann:

1. Prodromalphase (Vorboten)

Stunden bis zwei Tage vor dem Anfall können erste Zeichen auftreten: extreme Müdigkeit, Heißhunger oder gar kein Appetit, Gähnanfälle, Licht- und Lärmempfindlichkeit oder Nackenschmerzen.

2. Auraphase

Rund 20–30 % der Betroffenen erleben eine Aura – neurologische Symptome wie Sehstörungen (Flimmern, Blitze, gezackte Linien), Kribbeln oder Taubheit in Armen und Gesicht sowie Sprachprobleme. Diese Phase dauert meist 15 bis 60 Minuten und bildet sich vollständig zurück.

3. Schmerzphase

Pulsierender, oft einseitiger Kopfschmerz – schlimmer bei Bewegung. Dazu oft Übelkeit, Erbrechen, extreme Licht- und Lärmempfindlichkeit. Dauer: 4 Stunden bis 3 Tage.

4. Erholungsphase

Körperliche und geistige Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, gedrückte Stimmung. Kann ebenfalls ein bis zwei Tage andauern.

Wer mitrechnet, sieht: Eine einzige Attacke kann eine ganze Woche in Anspruch nehmen.

Migräne mit Aura – und meine besondere Form

Bei mir ist es eine Hirnstamm-Migräne – eine seltene und besonders intensive Sonderform der Migräne mit Aura. Die Aurasymptome werden eindeutig dem Hirnstamm zugeordnet.

Was das für mich bedeutet? Plötzlich schlafen mir Arme, Beine oder das Gesicht ein. Ich kann nicht mehr klar denken. Und manchmal – das ist das Gruseligste – kann ich nicht mehr sprechen. Ich will einen Satz sagen und es kommt nur Kauderwelsch heraus.

Meinen ersten solchen Anfall hatte ich, als mein Sohn noch ein Baby war. Ich wollte ihm ein Schlaflied singen – und brachte die Wörter nicht raus. Mein erster Gedanke: *Habe ich gerade einen Schlaganfall?

Ich habe keinen Schlaganfall. Aber die Angst davor bleibt ein ständiger Begleiter.

 Was meine Migräne auslöst

Trigger sind so individuell wie die Erkrankung selbst. Bei mir spielen folgende Faktoren eine Rolle:

– Zu wenig trinken – das spüre ich sofort

– Bildschirmlicht und Blendung – trotz Migränikerbrille

– Laute Geräusche – verstärkt durch meine Hyperakusis nach einem Hörsturz

– Blutzuckerschwankungen

– unregelmäßige Mahlzeiten oder zu viel Zucker

– Wetterwechsel – vor allem extreme Temperaturschwankungen

– Extremhitze – wie damals im Urlaub in Ungarn, 40 Grad, und ich lag mit schwerem Anfall im Bett

Was ich nicht bestätigen kann: hormonell bedingte Attacken kurz vor der Periode, wie viele andere Frauen sie erleben. Bei mir zeigt sich das nicht.

Was hilft – ohne falsche Versprechen

Ich werde oft gefragt: Was kann ich tun? Und ich antworte immer ehrlich: Die Migräne wird nicht weggehen. Aber sie kann besser werden.

Nicht-medikamentöse Ansätze:

– Ruhe, abgedunkelter Raum, hinlegen

– Kältekompresse auf Stirn und Schläfen (oder Wärme – je nach Person)

– 10 %iges Pfefferminzöl (bei leichten bis mittelschweren Spannungsschmerzen vergleichbar wirksam wie Aspirin)

– Magnesiumdicitrat – über den Tag verteilt trinken, nicht auf einmal

– Tiefe Bauchatmung: doppelt so lang ausatmen wie einatmen

– Yin Yoga oder Restorative Yoga – sanft, langsam, ohne Ehrgeiz

– Regelmäßige Bewegung und frische Luft

– Triggerpunktbehandlung (bei mir persönlich sehr hilfreich)

Medikamentöse Akuttherapie:

– NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) bei leichten bis mittelschweren Attacken – am besten in der ersten Stunde genommen

– Triptane – spezifische Migränemittel

– Gepante – neu seit Sommer 2025, wirken sowohl akut als auch prophylaktisch; besser verträglich bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Wichtig: Nicht mehr als 10 Schmerztabletten pro Monat nehmen – sonst droht ein Medikamenten-Übergebrauchskopfschmerz, der die Situation weiter verschlimmert.

Prophylaxe:

Wer häufige oder schwere Attacken hat, sollte mit einem Neurologen über Vorbeugung sprechen: monoklonale Antikörper (monatliche Injektion), Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika oder Kalziumkanalblocker können in Frage kommen.

Und dann gibt es noch Migräne ohne Aura – und ohne Kopfschmerzen

Ja, das gibt es. Manche Betroffene haben nur die Flimmersymptome, das Kribbeln – aber keine Kopfschmerzen dahinter. Diese Form ist besonders schwer zu diagnostizieren, weil viele Ärzte sie nicht als Migräne erkennen.

Außerdem gibt es über 300 verschiedene Kopfschmerzarten – von Spannungskopfschmerzen über Cluster-Kopfschmerzen bis hin zu sekundären Formen wie Katerkopfschmerzen oder Erkältungskopfschmerzen. Eine sorgfältige Diagnose ist entscheidend.

Wo du Hilfe findest

Für die Diagnose und Behandlung empfehle ich einen Neurologen oder eine Neurologin – idealerweise jemanden mit Spezialisierung auf Kopfschmerzen. Auf der Website der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft unter [www.dmkg.de](https://www.dmkg.de) kannst du gezielt nach Kopfschmerzexperten in deiner Nähe suchen. Dort gibt es auch eine empfehlenswerte Migräne-App zum Tracking von Attacken und Medikamenten.

Was mich am meisten belastet

Nicht der Schmerz ist das Schlimmste – auch wenn er real und heftig ist. Das Schlimmste ist die Unberechenbarkeit. Das plötzliche Einschlafen der Gliedmaßen. Das Versagen der Sprache. Das Gefühl, keinen Einfluss zu haben.

Um nicht ganz hilflos zu sein, habe ich mir für die Arbeit ein kleines Kärtchen geschrieben – für den Fall, dass mich eine Attacke mitten im Gespräch erwischt. Darauf steht, was gerade mit mir passiert und warum ich nicht mehr sprechen kann. Kleine Selbsthilfe, große Wirkung: Es gibt mir das Gefühl, trotzdem noch handlungsfähig zu sein.

Ein letzter Gedanke

Hirnstamm-Migräne-Patienten werden immer noch viel zu oft als psychosomatisch abgetan. Das ist falsch – und verletzend. Psychische Begleiterscheinungen wie Angst oder depressive Phasen können entstehen. Aber sie sind die Folge der Erkrankung, nicht ihre Ursache.

Wer Migräne hat, sucht sich das nicht aus. Es ist eine Erkrankung wie jede andere – und sie verdient echte Anerkennung.

Nächste Woche spreche ich mit einer Betroffenen über ihre persönliche Erfahrung mit Hirnstamm-Migräne. Ich bin gespannt, was sie erzählen wird.

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*Andrea Löffler ist Physiotherapeutin, Coach und selbst seit über 20 Jahren von einer unsichtbaren chronischen Erkrankung betroffen. Auf [unsichtbar-chronisch.de](https://unsichtbar-chronisch.de) begleitet sie Frauen mit chronischen und seltenen Erkrankungen – würdevoll, selbstbestimmt, ernst genommen.*

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